Edwin Kratschmer: Habakuk oder Schatten im Kopf.
Roman
VDG Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften Weimar, 2001, 222 Seiten, ISBN 3–89739-210-0

Die Spur des historischen Propheten Habakuk verliert sich unter der blutigen Despotie der Chaldäer um 600 v. u. Z. Geblieben sind seine Klagelieder. Die Spur des Kratschmerschen Habakuk – Lehrer und Skribent – verliert sich in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Geblieben sind dessen Aufzeichnungen, in denen die Frage echot: Wienurwie soll-darfmuss man in Diktaturen leben? Und voller Erschrecken erkennt Habakuk, dass er – gesplittet in viele Ichs – mehrere Rollen gelebt hat: Opfer- und Täterrollen. Mit diesen Alter Egos führt er nun radikale Dispute, die eigentlich hochnot-peinliche Selbst-Befragungen sind, denn er begegnet in ihnen immer nur seinen eigenen ungeheuerlichen Möglichkeiten. Es kommt zu ungeschützten Selbst-Entlarvungen: Wie kriege ich das Monster Ich zu fassen? Habakuk rettet sich, indem er seinen Täterpart von sich abspaltet und in andere projiziert. Nun kann er sie hassen, verurteilen und hinrichten.
Fanal ist hierbei ein barbarisches Ereignis "Pschan".
Der Roman ist ein Patchwork aus kapitelweis in sich geschlossenen Szenen, und er ist zugleich ein langlanger Monolog in verteilten Rollen über eine vielfach gebrochene Identität, so dass viele Personen zu agieren scheinen. Doch es bleibt schließlich unwesentlich, wer was denkt und zu wem sagt: Es wird gedacht, gesagt, getan.

s. Stimmen zum Roman Habakuk. edition mk 2002, 50 S.

 

Entsorgung eines Seelsacks

Mit "Habakuk" liegt ein leidenschaftlicher Roman vor, ein dichtes Wortgewebe, ein Textteppich, von dem man sich, ein-mal darauf gewagt, nicht mehr zurückziehen kann. Ein Roman, der seinen Leser mit Haut und Haar zu verschlingen vermag. Habakuk ist der Versuch einer Wortkunst, die die totalitären Verbrechen des 20. Jahrhunderts reflektieren möchte. In der Vorrede an einen nicht näher bezeichneten F. warnt Habakuk vor dem vorliegenden Skript, Erschrecken könne nicht erspart werden, und ganz biblisch wird mit der Hoffnung spekuliert, auf "dass ein Erschrecken vor uns selber heilsam sein könnte". [...]
"Habakuk oder Schatten im Kopf" ist ein lebenspraller Roman – Leben und Liebe, Freude und Verrat im Spiegel des vitalistischen Menschenkonzepts des Alten Testaments: "Wo soll da noch das Wunder sein: In Sekundenschnelle werden zweisechsacht Menschen in die Welt gestanzt. Das Fließband läuft. Zweisechsacht, indes du einmal gähnst spuckst schnupfst schneuzt schniefst schnarchst furzt. Zweisechsacht, während dein Stuhlgang flutscht. Und soviel geiles Gesam wartet auf der Welt. Ein Ausstoß: dreivier Millionen Spermen. Gesam wie Gestirn am Firmament, zweisechsacht im Ga-lopp und Handumdrehn: tugendhaft und treu wie Ruth, groß und schön wie Saul, falsch und durchtrieben wie Delilah, stark und dumm wie Goliath, missraten und bös wie Elis’ Söhne, gemein und gewaltig wie Abimelech. Und zum Abel ein Kain..."
Kein Wunder, dass angesichts dieses Figureninventars Habakuk alias Edwin Kratschmer einen eleganten Bogen zur heutigen Zeit zu schlagen vermag, zur Jetztwelt, zu den zwei deutschen Diktaturen. Ein praller intertextueller Dialog zieht sich durch das Buch. Sprüche der alttestamentarischen Propheten und anderer biblischer Stellen, Goethe oder auch Marx ordnen sich organisch ein in diese Beichte. Phrasen der Nazizeit, Losungen der Kommunisten oder auch Hetzrufe unserer Tage begleiten die Szenerie, immer wieder gewürzt mit Anspielungen auf Namen, Buchtitel – z.B. "Wie der Kruppstahl gehärtet wurde" – oder auf Personen: dass sich "manch einer die Zähne ziehen ließ, weil er in ihnen Abhörgeräte glaubte", ist in der DDR ja tatsächlich vorgekommen.

Bedenkt man, dass dieser Roman 1961, im Jahr des Mauerbaus, entstand und erst 1994 zu Ende geführt wurde, verwundert nicht, dass Edwin Kratschmer Herausgeber der Reihe "gerettete texte" wurde. Eine Serie, die sich Texten widmet, welche die Diktaturen nur in Schubladen überlebt haben.
Volker Strebel