Edwin Kratschmer: Paarzeit
Erzählstücke
UND-Verlag Stadtroda 2018. 242 Seiten. 24.90 EUR, ISBN 978-3-927437-60-9

 

Nach "Tintentage", den Erzählstücken aus dem Lehrerleben, ist "Paarläufe" die zweite Auswahl aus dem Werk von zehn Roman- und Erzählbänden Edwin Kratschmers, das seit seinem 70. Lebensjahr unter dem Gesamttitel "Die zehn Todsünden" vorliegt. Maren Kratschmer-Kroneck, die Tochter des Schriftstellers, versuchte mit dieser „Inventur“ dessen Spätwerk nach den Intentionen zum komplexen Thema Liebe und Paarleben zu befragen. Und siehe es sind Fallstudien von sonderbaren Paarschaften (Scheinpaaren, Wechselpaaren, Reizpaaren, Streitpaaren, Beißpaaren, Zerreißpaaren und Unpaaren) in Zweizeit.

Kratschmers These: Ohne Orgasmus keine Menschheit. Ohne Liebe keine Menschlichkeit. Beides vermag zu höchster Glückseligkeit zu verführen und sich zu steigern bis in Wahn. Dies haben Adam und Eva schon erlebt und hat Platon benannt und im Alten Testament ists nachzulesen. Ändere man die dortigen Kulissen und Requisiten, ergäben sich Plots mit überraschend überzeitlichen Wendungen. Sie zeigten: Leidenschaft, Eifersucht, Verführung, Täuschung, Hurerei, Ehebruch, Unzucht, Perversionen, Rache, Vergewaltigung, Vertreibung, Mord und Totschlag, Verzweiflung und Trauer als Ergebnisse eigensüchtiger oder enttäuschter Empfindungen sind so neu wie alt.

Liebe und Sexualität sind animalischen Wesens. Ein individueller Hormon- und Säftemix entscheidet, ob Liebe oder mehr Sexualität im Spiel. Einig sind sich die meisten, dass es sich hierbei um „die schönste Sache der Welt“ handelt, aufregend, verwirrend bis zum Irr- und Schwachsinn. Kulturaktivisten, Religionen, Philosophien und selbst die Politik schüren Konflikte. Die Legenden und die Geschichte wissen davon zu berichten. Die Wellen wogen. Auch als „Himmelsmacht" in des Menschen Brust: Wer zählt die Seufzer und die Schlager und den gereimten und ungereimten Liebeskitsch. Ob Flämmchen oder alles flutende Leidenschaft, das Konfliktpotenzial beherrscht exzessiv die menschliche Seele, treibt sie an zu Höchstleistung oder in die Verzweiflung.

Und es gibt auch den Glücksfall: die nahezu totale Liebe bis zu Eiserner oder gar Steinerner Hochzeit siamesisch miteinander verkoppelter Organismen und Orgasmen. Selbst der Tod vermag dann solchen Liebesbund nimmer zu trennen. Freilich, bei Amputation ist das Überleben eines Rumpfstückes dann oft eine tödliche Katastrophe.

Derart könnten seine Paarläufe-Plots auch sachlich "Paare. Fallbeispiele" heißen. Es sind keinesfalls Rührgeschichten, sondern Fälle, wie sie von Psychotherapeuten be- und von Scheidungsrichtern verhandelt werden oder vor Gericht landen mit seinen Strafregistern für kriminelle Energien. Die aus größeren Zusammenhängen herausgerissenen Erzählstücke bezeugen also oft die forensischen Ursachen oder Folgen des Scheiterns einer Beziehung: Liebe und Sex als explosive Streitstoffe auf Seziertisch oder Hackklotz. Kratschmer ist an der Aufdeckung von Konflikten interessiert, aber nicht an deren Lösung, die es oft nicht gibt.

Und er erlebt: Liebesrausch ist ein Trancezustand, in dem die ganze Welt abtaucht und alles DenkenFühlenWollen nur einem einzigen Ziel entgegenrast und ihn besinnungslos mit sich reißt zu bedingungslosem Muss. Bald ists Fiebertaumel, Delir, Ekstase, Exzess und Gier pur und alle Sicherungen brennen durch. Und er erlebt, „wie sich hasserfüllte Paare im Orgasmus zerfleischen, die Paarung ein masturbierender Gewaltakt, die Geschlechter im Schlagabtausch, die wüste Hinrichtung des Partners. Es ist eine Welt des Wahnsinns, Hassenergien detonieren, Gewaltenergien explodieren, der Bürger als Würger, die Höllen, die wir uns bereiten, unsere tagtägliche Barbarei, unsere Rambomentalität." Und weiter: „In der Liebe erfährst du, wozu du fähig bist, zu welcher Verkommenheit, zu welchen kriminellen Energien. Je tiefer die Liebe, desto fragloser dein Einsatz."

Und der Stil ist Kratschmers zweites großes Abenteuer, verrät sein Tagebuch. In ihm spräche sein Blut, das im Takt seines Herzens durch seine Röhren rausche und ihm den Sprechrhythmus wie Schlagwerk diktiere: den Marschschritt, die Tempi, die Tremoli, die Stakkati, die Synkopen, die Pausen, die Satzzeichen. Er entgrammatisiere die Syntax, intoniere den Sprechfluss, zwinge und zwänge dessen Strömung in neues Flussbett; der Kanal selbst sei architektonisch Werk mit Stromschnellen, Stauungen, Katarakten, Wasserfällen, Wasserspielen und ganzen Bildergalerien und barocken Skulpturengärten. Der Stil eine z.T. rein physiologische Angelegenheit, die aus ihm atme. Die auch mit Geschmack zu tun habe: Wie die Wörter schmeckten, welches Aroma sie hätten, wie sie sich kauen ließen, auch wie sie ihn folterten und malträtierten. Und Stil als das Ererbte. Er entstehe aus jener angeborenen Sensibilität, die ihn die Schwingungen seines Körpers erleben ließe. Er, der Horcher seiner Untertöne.